Die Treppe…., oder lassen wir es so, wie immer.

Die kommenden Monate trafen wir uns weiter, als ob nichts geschehen wäre. Alles war wie immer. Wir sahen uns meist im Park und redeten und scherzten. Saßen beisammen, gingen spazieren und fühlten uns wohl. Nur, dass wir uns zwischendurch immer wieder küssen und berühren mussten. Wir flirteten miteinander. Mehr nicht.

Die anderen Tagen ging jeder seine Wege. Mike war mitten in seiner Ausbildung zum Maurer und ich war mit der Schule schwer beschäftigt. Deshalb wurden unsere Treffen immer unregelmäßiger, aber nie weniger schön. Wir wollten sogar noch zweimal zusammenfinden, als Paar. Naja, wenn man das in unserem Alter überhaupt so bezeichnen kann. Einmal hatte Mike den Schwanz eingezogen. Gleich am nächsten Tag. „Lass uns lieber so bleiben, wie immer“, sagte er knapp, ohne mich dabei anzusehen. „Ich glaub das wird nix, Polly.“ Ich merkte, wie mir das Herz in die Hose rutschte. Warum sollte es nichts werden? Wir knutschten, wir trafen uns, wir hatten Schmetterlinge im Bauch. Warum also nicht? Ich war so enttäuscht, aber ich ließ mir nichts anmerken.

Wenige Tage später erfuhr ich, dass Mike nicht mehr alleine war. Er hatte eine feste Freundin. Deshalb war es also nichts geworden…. Schade. Aber gut. Wir trafen uns ja trotzdem weiterhin. So wie immer. Das Knistern zwischen uns war manchmal fast unerträglich. Aber wir hielten Stand. Meistens jedenfalls. Er hatte eine Freundin und ich hatte verschiedene Liebeleien. Also, nur Reden. Küssen verboten! Ab und an eine sanfte Berührung…. und naja, es sah ja keiner…. also doch der ein oder andere verstohlene Kuss.

So ging das eine Weile. Ich genoss die Aufmerksamkeit der Jungs um mich herum und wusste mich bei Mike in Sicherheit. Ich war kein Kind von Traurigkeit in dieser Zeit, und ich hatte (ohne überheblich klingen zu wollen) tatsächlich genug Auswahl. Am meisten hatte es mir dieser zehn Jahre ältere Kerl angetan. Frank. Eigentlich ein totaler Arsch. Aber er hatte was. Er war verrucht, und cool mit seiner Fransen-Lederjacke und den Cowboystiefeln. Immer die selbstgedrehte Zigarette im Mundwinkel, sein Haar schulterlang und rabenschwarz. Und er machte mich an. Er umgarnte mich, nach allen Regeln der Kunst. Legte mir jede Nacht (geklaute) Blumen unter mein Fenster….Leider soff er, war ein Ex-Knacki und hielt nicht viel von Arbeit. Aber das merkte ich erst, als es schon zu spät war.

Mike und ich hatten uns länger nicht gesehen, als er plötzlich bei mir anrief. Er bat um eine Verabredung! Ein geplantes Treffen, bei der kleinen Kirche im Park. Unser erstes Date. „Ich muss dir was sagen“, verkündete er am Telefon. „Es ist wichtig.“ Als ich das hörte wurde mir flau im Magen. Etwas Wichtiges? Was war geschehen und so wichtig, dass Mike mich anrief? Wir hatten doch noch nie telefoniert! Als ich bei der Kirche ankam, war Mike schon da und stand auf der Treppe, vor dem Eingang. Er hatte Freunde zur Verstärkung mitgebracht. Und als ich ihm in die Augen sah, wusste ich, was er wollte. Er wollte mich. Sofort kam die leichte Kränkung wieder hoch, als er mich für eine Andere sausen ließ, und ich fühlte mich hin und hergerissen. Zwischen Glück und Freude, Bockigkeit und  Sturheit.

Da war ja auch noch Verbrecher-Frank. Ich hatte mich schon viel zu sehr mit ihm eingelassen. „Polly, bitte“, flüsterte Mike, und ahnte wohl schon meine Antwort. In seinen Augen stand echter Kummer, sie hatten jedes Leuchten verloren. „Nein“, erwiderte ich. „Das wird nichts mit uns, lassen wir es, so wie immer. Es war doch immer gut, so hast du es doch das letzte Mal gesagt.“ Mit diesen Worten ließ ich ihn auf der Treppe stehen. Aus Stolz, Verletztheit und Eitelkeit. Für Verbrecher-Frank.

Es war einer der größten Fehler meines Lebens.

Seit diesem Tag trafen wir uns vorerst nicht mehr, Mike und ich. Ich hatte ihn zu sehr getroffen, das wusste ich. Und ich schämte mich dafür. Er ging mir nicht aus dem Kopf, er war in meinen Gedanken. Jeden Tag. Ich vermisste ihn, er war schon lange zu einem Teil von mir geworden. Jetzt wusste ich es besser.

Eure Polly

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Ein Gedanke zu “Die Treppe…., oder lassen wir es so, wie immer.

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