Zusammen beisammen

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Wir trafen uns immer häufiger, aber eine richtige Verabredung hatten wir nicht. Kein Teenager-Date. Wir telefonierten nie, denn unsere Nummern hatten wir nicht ausgetauscht, und wir besuchten uns auch nicht zuhause. Alle Begegnungen waren vielmehr „rein zufälliger Natur“. Aber dabei hatte jeder von uns seine eigenen Methoden entwickelt, diese Gelegenheiten so präzise wie möglich vorherzusehen und auch zu beeinflussen. Niemand von uns machte den ersten Schritt, oder outete sich als jemand, der auf ein Wiedersehen brannte. Kein einziges Wort fiel zu diesem Thema.

Meine Informationsquelle für die guten Gelegenheiten hieß Thomas. Der pummelige Junge mit der Lotenjacke. Er ließ sich von mir prima um den Finger wickeln, und verriet mir alles über Mike und seine Vorhaben. So konnte ich Mike ganz zufällig in seiner Straße über den Weg laufen, just als er vom Fußballtraining kam. Ein anderes Mal kreuzten sich unsere Wege in der Nähe des Clubhauses der örtlichen Herta-Fangemeinde. Wir waren am gleichen Tag im Schwimmbad oder sahen uns flüchtig nach dem Unterricht beim Kiosk.

Im Gegenzug traf Mike mich in der Bibliothek, um die Ecke, als ich bei meiner besten Freundin gerade das Haus verlies. Donnerstags nach der Jugendgruppe vor dem Gemeindehaus, nach dem Konfi-Unterricht und an allen möglichen Orten, an denen wir rein zufällig genau zur gleichen Zeit aufschlugen. Und jedes mal gingen wir ein Stück zusammen. Hingen gemeinsam rum. Bummelten, redeten, lachten und fühlten uns wohl dabei.

Am häufigsten sahen wir uns weiterhin im Park. Auf unserer Bank. Wie das aber, ohne Absprachen so oft geschehen konnte ist allerdings ein kleines Wunder. Wann immer ich nach den Schulsachen Zeit hatte ging ich zu unserem Platz. Oft war Mike schon da, als ob er auf mich gewartet hätte. Ein anderes Mal wartete ich. Und dann saßen wir einfach da. Nebeneinander auf der Bank. Teilweise schweigend, da brauchte es keine Worte zwischen uns. Wir waren uns nahe, auch im Geist. Dann wieder unterhielten wir uns über alles Mögliche, sponnen Geschichten, neckten uns und sinnierten über Gott und die Welt.

Ich war kein einfaches Kind, mit schwierigen Eltern. Mike verstand mich. Ihm vertraute ich so vieles an. Zeitweise legte er die Hand auf mein Bein oder um meine Schultern und ich lehnte mich an. Ich fühlte  mich bei ihm geborgen. Manchmal liefen wir im Park spazieren und dabei hielten wir uns einander, immer öfters, wie selbstverständlich an der Hand. Eine schüchterne, leise und zurückhaltende Teenie-Romanze. Zart, ohne viel Körperkontakt. Aber mit umso mehr Herz und Gefühl.

Spezielle Dinge unternahmen wir nie miteinander. Kein Kino, kein Eis-Essen. Das brauchten wir gar nicht. Wir waren einfach nur beisammen und es war gut. Egal wie wir die Stunden miteinander verbrachten, sie vergingen immer wie im Flug und oft konnte ich  die Zeit bis zum nächsten mal kaum abwarten. Bei Mike fühlte ich mich angenommen. Nicht nur, dass wir uns alles erzählten, wir konnten immer so sein, wie wir waren.

So vergingen viele Monate. Wir waren beisammen, ohne dass wir „zusammen“ waren. Die Abstände in denen wir uns trafen wurden länger, und kürzer. Unsere ersten sexuellen Erfahrungen bestritten wir unabhängig voneinander. Sogar darüber konnten wir uns  wir uns unbefangen unterhalten, und waren uns gleichzeitig dabei so nah wie immer. Nur zusammen beisammen.

Bis zu dem Tag, als Mike mich küsste. Zum ersten Mal, mit fast sechzehn Jahren. Einfach so, nachdem wir eine ganze Weile schweigend, nebeneinander auf unserer Parkbank saßen. Ohne, dass ich es voraussehen konnte. Er drehte seinen Kopf zu mir hinüber und küsste meinen Mund. Erst zaghaft, dann öffnete er leicht seine Lippen und ich spürte seine Zunge an meiner. Es durchschoss mich wie ein Blitz und ich reagierte sofort. Da war ein Kribbeln, wie tausend Funken auf meiner Haut, Zittern durchströmte mich und Gänsehaut bedeckte wohl jeden einzelnen Zentimeter meines Körpers. Noch nie zuvor, hatte ich das so intensiv gespürt. Keines meiner amourösen Abenteuer vermochte es bis dato, mir solche Gefühle zu entlocken.

Den Rest unserer Zeit verbrachten wir knutschend umschlungen, und ich fühlte mich dabei so wohl wie nie in seiner Nähe. Dann kam der Abschied. „Sind wir jetzt zusammen?“, fragte er. „Ich denke schon.“, erwiderte ich im Gehen, und konnte das Geschehene immer noch nicht fassen. Wusste nicht, was gerade mit mir passiert war. Ich war verwirrt und hilflos, zugleich aber unheimlich glücklich.

Das ganze hielt drei Tage, die  wir uns auch nicht sahen. Denn wir gaben unsere alte Gewohnheit nicht auf, uns nicht zu verabreden. Im gegenseitigen Einvernehmen, beschlossen wir dann, an unserem nächsten Treffen, doch alles lieber beim Alten zu lassen und einfach nur wieder beisammen zu sein. So trafen wir uns weiterhin, ganz zufällig zum Beisammensein. Mit dem einzigen, kleinen Unterschied: dass wir seitdem küssten.

Eure Polly

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