Pollymoment: Am Weihnachtstisch

Wie lange doch so ein Tag dauern kann, wie langsam und zäh die Minuten  dahin schleichen… besonders an solchen Tagen wie diesen… den Tagen der heilen Familienwelt.

Familie LollyJanePolly sitzt am Weihnachtstisch. Mein heutiger Gesichtsausdruck gleicht dem der Karpfen auf den Platten. Trübe und leer. Ich stochere auf meinem Teller herum und habe keinen Hunger. Mit den Gedanken bin ich bei dir. Meine Ohren lauschen nicht den Tischgesprächen, sondern nach dem vertrauten Klingelton, der jetzt schon seit über zehn Tagen verstummt ist. Ich stehe auf und gehe in die Küche, um Kartoffelnachschub zu holen. Auf dem Weg dorthin, ein verstohlener Blick auf das Handydisplay.

Nichts…“Begreif es endlich, Polly!“, schießt es mir durch den Kopf. Und ich ärgere mich über mich selbst. Ich wünschte mir so, du wärst hier, bei mir an meiner Seite. „Schluss jetzt! Verdammt!!!“, ermahne ich mich. Das hat meine Familie nicht verdient, so eine trübe Stimmung am Weihnachtstag.

Es weiß ja keiner außer mir, wo sie überhaupt herkommt, diese zähe Trauer in der Luft. Meine Familie ist ratlos, was mit mir los ist. Ich schiebe es auf den Winterblues. Das kennt man schon von mir. Aber so schlimm, wie in diesem Jahr war es noch nie, wie alle einvernehmlich feststellen. Ja. Natürlich nicht. Der Blues hat schließlich einen Namen und heißt Mike. Aber was wissen schon die anderen….

Ich kehre an die Tafel zurück, mit einer vollen Schüssel Pellkartoffeln.

Da plötzlich, vor meinem geistigen Auge…. Du, neben mir am Tisch! Du lächelst mich erwartungsvoll an. Und noch ehe du etwas sagen kannst, nehme ich die Platte mit den Karpfen an mich, um sie dir zu reichen. Wie durch Zauberhand sind sie nicht mehr paniert und knusprig gebacken, sondern roh, schleimig und glitschig. Ich nehme den Größten von ihnen und knalle ihn dir mit Karacho um die Ohren. Dann nehme ich den Kartoffeltopf und stülpe ihn dir galant über den Kopf… ich merke, wie ich innerlich triumphiere. Guten Appetit!

Böse Polly!

Puff! Schon bin ich wieder im hier und jetzt. Ja, auch solche Pollymomente gibt es, und ich muss mir eingestehen, sie tun mir gut. Ich nehme mir vor, den Rest des Abends nicht mehr an dich zu denken. Es gelingt mir nicht ganz. Aber die Stimmung ist schon etwas weihnachtlicher.

Am Abend noch ein letzter Blick auf das Handy. Zwei Nachrichten mit deiner Nummer. Ich traue mich nicht sie zu öffnen. Ich ahne die Enttäuschung. Es wird ein Weihnachtsgruß sein. Ein stinknormaler Weihnachtsgruß. Nicht das, was ich mir erhoffe.

Ich denke an den Karpfen zurück, und schon ist sie wieder da, die Sehnsucht. Aber ich kann mich nicht so recht entscheiden nach was ich mich sehn…. danach, dir den Fisch um die Ohren zu jagen, oder danach, dich in den Arm zu nehmen….

Alles wird gut.

Eure Polly

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2 Gedanken zu “Pollymoment: Am Weihnachtstisch

    • Es ist auch nicht leicht. Da hast du recht. Aber manchmal hat das Herz Gründe es trotzdem zu wagen. Es ist schwer mit Vernunft zu beschreiben, warum man es so, und nicht anders macht. Sicher nicht aus Berechnung, denn jeder Tag ist schwer. Liebe Grüße, Polly

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