Der Junge im blauen Anorak…oder wie damals einmal alles begann

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Mike und ich… zwischen uns war es immer da… dieses Gefühl, dass uns etwas ganz Besonderes miteinander verbindet. Von dem Augenblick an, als ich ihn zum ersten mal sah. Damals vor über dreißig Jahren. Bis heute, bis zum Ende. Und für mich noch darüber hinaus…

Ich erinnere mich noch ganz genau, an den Tag, als ich ihm zum ersten mal begegnete. Es war ein rauer Herbsttag. Meine Freundin und ich hingen sinnlos im Park herum, eigentlich so wie jeden Tag nach der Schule. Ein ganz gewöhnlicher Nachmittag, ohne besondere Vorhaben. Was für uns vorpubertierende Mädchen zählte, war klar: Jungs gucken, heimlich rauchen und Blueberry trinken. Den konnten wir glücklicher Weise ab und zu, von älteren Mädels aus unserer Clique abstauben.

Meine Freundin Sonja und ich. Gerade waren wir dem Barbie-Alter entwachsen. Ich stylte mich heute mit asymmetrischer Prinz-Eisenherz-Frisur, rosa Hornbrille und der farblich dazu passenden Winterjacke, die mir viel zu groß war. Meine Freundin hatte sich modisch ähnlich ausgestattet, die Haare ebenfalls mit viel Haarspray an die Seiten geklebt, eingemummelt in eine wattierte Steppjacke. Uns zwölfjährigen Gören stieg das Fuselzeug, das wir zügig in uns hinein kippten, ganz schön in den Kopf. Es schmeckte süß wie Limonade, und ging runter wie Öl. Man merkte gar nicht, dass man trank. Aber die Wirkung blieb nicht aus, und ließ nicht lange auf sich warten.

An diesem Nachmittag war der Park gut besucht, trotz des feuchtkalten Wetters. Ganz in der Nähe lungerten ein paar Jungs herum, die immer wieder verstohlen zu uns herüber schauten und feixten. Aus der Ferne betrachtet, kamen sie für unsere Flirtabsichten keinesfalls in Frage. Keiner von ihnen hatte auch nur annähernd Ähnlichkeiten mit den unerreichbaren, viel älteren Schwärmen aus der Oberstufe unserer Schule. Sicher machten die Idioten sich einen Spaß daraus, uns dabei zuzusehen, wie wir allmählich ins Wanken gerieten. Und dabei unsere Schritte, dank des Blaubeergesöffs, nicht mehr ganz unter Kontrolle hatten.

Umso schlimmer fand ich es, als ich merkte, dass Sonja neben mir komische und peinliche Geräusche von sich gab. “ Polly, “ keuchte sie, „ich glaub ich muss kotzen!“ „Na prima“, dachte ich. „Bitte nicht hier! Mit Sicherheit nicht vor diesen dämlichen Jungs. Nie und nimmer!“ Ich schnappte meine Freundin beim Arm und versuchte mit ihr, so elegant wie möglich um die Ecke ins nächste Gebüsch zu schlendern. Keine Sekunde zu früh, wie sich sofort herausstellte. Sie kotzte sich wahrlich die Seele aus dem Leib. Ich hielt ihr tapfer die Haare aus dem Gesicht und sprach ihr tröstende Worte zu. In der Hoffnung, sie würden unter ihrem Röcheln auch bis an ihr Ohr vordringen, und keine Spritzer würden mich treffen.

Allmählich kam wieder Leben in sie, was mich etwas beruhigte. Als sie fragte: „Haste ne Kippe?“ , wusste ich, alles war überstanden und sie war wieder die Alte. Ich führte sie ein Stück weiter, und wir hockten uns unter einen Baum, nahe der Parkmauern. Möglichst weit entfernt von dem Jungentrupp. Auf deren Häme konnten wir dankend verzichten. Dort saßen wir eine ganze Weile und rauchten schweigend vor uns hin. Als wir uns endlich aufgerappelt hatten, bemerkten wir sie. Drei Jungs aus der Truppe von vorhin. Steif an die Mauer gelehnt. Meine Freundin wurde sichtlich nervös. „Oh weh! Haben die das mitgekriegt? Dass ich gekotzt hab?“ stammelte sie. „Komm“, murmelte ich nur. „Nicht hinsehen. Augen zu und durch!“ Schnell und leise versuchten wir, so unauffällig wie möglich, an ihnen vorbei zu kommen.

Da machte der Mittlere von ihnen den Mund auf. Ein kleiner, untersetzter Junge, in karierter Lotenjacke. „Hi!“ , japste er knapp. Dann Stille. Der andere links neben ihm knuffte ihn derb in die Seite. „Wollt mal mit dir quatschen, wenn du Zeit hast.“ „Nö! Keine Lust. Verzieh dich.“, grummelte ich und zog an Sonjas Arm um sie weiter zu bewegen. Ein leises Kichern von links drang in mein Ohr. Nicht voll Häme, sondern fast liebevoll schmunzelnd. In diesem Augenblick schaute ich hinüber, und da betrachtete ich ihn zum ersten mal. Mike.

Er war etwas größer als der Junge in der Mitte, hatte eine wilde Stoppelfrisur, braune Haare und trug einen dunkelblauen Anorak. Seine Augen waren von einem warmen mokkabraun und auf seinen rotfleckigen Wangen lagen leichte Grübchen. Er sagte kein Wort zu mir. Er grinste nur und in seinem Blick lag etwas, das uns von diesem Moment an verband. Da war ein Gefühl, ein Herzklopfen, eine Nähe, ein Kribbeln und Singen, das meinen ganzen Körper in Besitz nahm. Von dieser Minute an, immer wenn ich ihn sah.

An diesem Abend ging ich wenig später noch einmal in den Park. Mike saß auf der Bank, als ob er dort auf mich gewartet hätte. Und WIR quatschten, weil ich noch ein wenig Zeit hatte. Seit diesem Tag, machte ich die Haare anders, bettelte zuhause um eine schickere Brille und trug nie mehr die viel zu große, rosa Winterjacke.

Ja, so begann alles. Damals. Lange vor unserer Affäre. Wie ein unsichtbares Band begleitete Mike seither mein Leben. Manchmal nur in Gedanken, Manchmal körperlich präsent. Einmal mehr und einmal weniger. Aber immer und immer wieder. Und vielleicht eines Tages wieder neu. Wer kann das schon sagen…?

Eure Polly

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2 Gedanken zu “Der Junge im blauen Anorak…oder wie damals einmal alles begann

  1. Liebe Polly,
    toller Beitrag! Beim Lesen hat mich sofort dieses Gefühl der „Liebe auf den ersten Blick“ ergriffen, das ich von mir und meinem Freund kenne. Gleichzeitig aber auch deine Zerrissenheit.
    Das Gefühl, wie schwierig das alles für dich ist, kommt so gut rüber. Ich drücke dir die Daumen, das alles gut ausgehen wird für dich.

    Gefällt 1 Person

  2. Ich danke dir sehr.
    Es freut mich, wenn meine Gefühle gut rüberkommen.
    Ja. Es war Liebe auf den ersten Blick, aber ich habe es erst viel zu spät realisiert. Es war immer besonders, aber es gab keine Worte, es zu beschreiben. Wie Mike gerade darüber denkt, da bin ich mir im Moment nicht sicher. Ich weiß aber, unsere Beziehung ist nichts alltägliches. Auch wenn wir kurz vor dem Ziel immer gescheitert sind, wir haben nie ganz aufgehört…
    Danke für deine Wünsche, auch für euch und eure Beziehung alles Gute 🙂

    Lg, Polly

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